Auf in die Provinz!

Ein Gastbeitrag von Dagmar Hotze

Liest man von ländlichen Regionen, dann meist im Zusammenhang mit Abwanderung, Überalterung, Schwund und Verfall. Zig Prognosen attestieren Dörfern und Gemeinden, dass sie in naher Zukunft aussterben werden. Sicherlich ist die Situation vielerorts dramatisch: Seit der Wende haben 1,2 Millionen Menschen Brandenburg,  Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen den Rücken gekehrt und Experten gehen davon aus, dass sich dieser Trend bis 2030 fortsetzt. Im Westen ist das Saarland das größte Sorgenkind: Rund 78.000 Einwohner werden das Bundesland in den nächsten 13 Jahren verlassen. Auch in Rheinland-Pfalz, wo mehr als 50 % der Menschen in Gemeinden bis 10.000 Einwohner leben, besteht akuter Handlungsbedarf, wenn die Daseinsvorsorge weiterhin gesichert und das Leben lebenswert bleiben soll.

Ballungsräume sind an ihrer Kapazitätsgrenze

Währenddessen platzen die Großstädte aus allen Nähten: Hamburg könnte bis 2035 zwischen 57.000 und 116.000 Einwohner hinzugewinnen, Berlin soll bis 2030 um 180.000 Einwohner wachsen, für München wird eine Zunahme von über 370.000 Einwohnern vorhergesagt und Leipzig wird bis dahin wahrscheinlich um 118.000 Einwohner zulegen. Dabei ist es jetzt schon rappelvoll. Wer in einer Metropole zu Stoßzeiten unterwegs ist, der erlebt hautnah, dass die Kapazitäten der Infrastrukturen längst am Limit sind. Dann werden U-Bahnen zu Sardinenbüchsen, durch Straßen rollen Blechlawinen und Radfahrer riskieren ihr Leben. Oh, Du schönes Großstadtleben.

Stadt und Land miteinander vernetzen

Wie könnte eine Alternative zu diesem Irrsinn aussehen? Einerseits gibt es dahinsiechende Landstriche, andererseits überquellende Ballungsräume. Sein Dasein als Pendler zu fristen, ist mit Sicherheit nicht die Zukunft! Im Internetzeitalter muss es möglich sein, die verschiedenen Lebensbereiche (Wohnen, Arbeiten, Bildung, Einkaufen und Freizeit) und Lebensräume (Wohnungen, Arbeitsplätze, Schulen, Universitäten, Einzelhandel, etc.) so miteinander zu vernetzen, dass sich Stadt und Land ergänzen.

Wesentlich nachhaltiger (um dieses Wort ins Spiel zu bringen) wäre es doch, das Beste aus beiden Welten zu vereinen, statt einen Kampf auf Leben und Tod zu führen. Zumal damit auch Fragen nach Teilhabe und Selbstbestimmung verbunden sind. Wieso sind Menschen in ländlichen Regionen „Abgehängte“? Nur weil sie nicht in einer ach so hippen Metropole mit Highspeed-Internet leben? Angesichts der Möglichkeiten, die die Digitalisierung zur Überbrückung von Raum und Zeit und zur Vernetzung bietet, scheint dieser Zustand völlig unzeitgemäß – und darüber hinaus demokratiegefährend.

Leben jenseits der Metropole im Selbstversuch

Ich selbst habe gerade das Leben in einer Metropole (Hamburg) gegen das in einer Kleinstadt (Stendal) getauscht. Wenn man als langjährige Großstadtbewohnerin seinen Freunden und Bekannten kundtut, dass man der Millionen-City den Rücken kehrt und „aufs Land“ zieht, erhält man einen bunten Strauß an Reaktionen, die von „Herrgott, wieso denn das?“ bis „Och, Du hast es gut und entfliehst dem Ganzen!“ reichen. Als ich meinen Umzug in den letzten Wochen durchsickern ließ, konnte die große Mehrheit meinen Entschluss durchaus nachvollziehen. Denn jedem gehen die überquellenden U-Bahnen während der Rush Hour, die volle Innenstadt an Nachmittagen und Wochenenden, der Kampf um KiTa-Platz, Parkplatz & Co., um sein Metropolen-Leben zu organisieren, auf die Nerven. Hinzukommen die überteuerten Mieten, die alle zähneknirschend schlucken, weil es keine preisgünstigen Alternativen gibt. Außerdem hatten sich wenige Monate zuvor bereits zwei aus dem Bekanntenkreis in die Provinz verabschiedet. Der eine nach Nordfriesland, die andere in Richtung Ostseeküste. Beide sind selbständig und können ortsungebunden arbeiten. Warum also nicht die Freiheit nutzen und durch Fortzug mehr Lebensqualität gewinnen, so ihre Überlegung. Bislang hat keiner seine Umsiedlung bereut. Meine angekündigte Stadtflucht war also kein so großes Novum.

Auszug aus der Komfortzone

Nicht, dass ich falsch verstanden werde. In Hamburg kann man ein äußerst komfortables Leben führen. Alles da, sofort und überall, to go und nach Hause. 24/7, immer, stets und ständig. Jetzt auch mit „Elphi“. Meine Herren! Aber mal runterdimmen, dafür musste man mit den Jahren immer weiter rausfahren. Als dann auch noch im Botanischen Garten Einweggrills auftauchten, war es aus. Mit der Zunahme von Rollkoffern findet man sich ab. Aber nun ist Feierabend! 17 Jahre waren schön, doch nun muss ich leider gehen. Aber wohin? Jetzt wurde es spannend. Denn mit dem Umzug war ich gezwungen, meine Komfortzone zu verlassen. Das gefiel mir nicht so wirklich. Einige Schritte mehr zum Frischemarkt, ist ja kein Problem. Auch an kürzere Öffnungszeiten gewöhnt man sich. Aber rattenschnelles Internet? Ist alternativlos. Und nur alle paar Stunden ein Bus oder irgendwann eine Regionalbahn? Geht gar nicht. Von vornherein stand für mich fest: Ein Leben in der Provinz funktioniert nur, wenn digital und mobil alles auf der Höhe der Zeit ist. Damit hatte ich zwei Kriterien, nach denen ich meinen neuen Standort ausgewählt habe und die mich relativ schnell in das rund 41.000 Einwohner zählende Stendal führten. Knapp 50 Minuten von Berlin entfernt, rund zwei Stunden bis nach Hamburg und etwa 45 Minuten bis Magdeburg plus diverse ICE-Anschlüsse – bestens. Sogar nach Amsterdam kann man ohne Umstieg fahren. Hallo, da geht doch was!

Schnelles Internet gibt es ebenfalls, außerdem eine hübsche Innenstadt mit allerlei Geschäften, mehrere Parks und Fahrradstrecken. Und moderner Wohnraum zum kleinen Preis ist auch vorhanden. Bingo. Ich bin gespannt, wie der Alltag wird.

Digitalität und Erreichbarkeit sind entscheidende Faktoren

In den letzten Wochen wurde ich mehrfach angesprochen, ob ich eine Checkliste hätte, anhand der man beurteilen kann, ob eine ländliche Region für einen Umzug in Frage kommt. Nun sind die Präferenzen so verschieden, wie die Menschen, die mit dem Gedanken spielen, ihr Großstadtleben gegen das in einer Kleinstadt oder einem Dorf zu tauschen. Wer Kinder hat, muss naturgemäß nach anderen Kriterien entscheiden, als jemand, der Single ist. Wer einen Job hat, der ortsgebunden ausgeübt werden muss oder bei dem Home Office nicht möglich ist, für den wird es schwierig sein, die Entfernung zu überbrücken. Eine Verallgemeinerung in Form einer Checkliste ist also kaum möglich. Dennoch halte ich aufgrund meiner Erfahrungen folgende Punkte für wesentlich:

  • Wie ist die Breitbandversorgung? Hinweise darauf gibt der Breitbandatlas.
  • Welche Anbindung an ÖPNV und Bahn sind vorhanden? Dazu probeweise auf der Webseite der Bahn den Ort und eine gewünschte Destination eingeben. Außerdem prüfen, ob der Ort in einen überregionalen Verkehrsverbund integriert ist.
  • Welches Wohnraumangebot gibt es? Dabei helfen einschlägige Online-Portale oder Anbieter vor Ort.
  • Wie ist die Versorgung mit Ärzten, Schulen, KiTas, Geschäften und Supermärkten? Hier hilft ein Blick auf Google Maps und die Webseite der Stadt bzw. Gemeinde.

Digitale Regionen vor dem Aufschwung

Vielsagend sind die Reaktionen in Stendal, wenn ich erzähle, dass ich aus Hamburg in die Altmark ziehe bzw. gezogen bin. Manche blicken mich verdutzt an und können anscheinend nicht glauben, dass es so etwas gibt. Dann möchte ich immer laut ausrufen: „Auch in Hamburg kocht man nur mit Wasser!“ Einmal habe ich das auch bereits getan und ein verlegenes Schmunzeln erhalten. Hier ist soviel Lebensqualität, danach werden sich die Bewohner in den gehypten Metropolen in einigen Jahren sehnen, so meine Prognose. Wobei es Stadtflüchtlinge längst in nennenswerter Zahl gibt, nur ist das wenig bekannt. Interessant ist dazu die Untersuchung „Wanderungssalden der deutschen Metropolen“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Demnach sollten ländliche Regionen schnellstens Strategien entwickeln, wie sie zu Smart Countries werden können. Dann steht ihrem Aufschwung wenig im Weg. Abgehängt? Von wegen! Stattdessen digital vernetzt und mittendrin!

 

Dagmar Hotze

Dagmar Hotze ist seit 2009 freiberufliche Journalistin im Bereich der Immobilienwirtschaft und hat sich auf Zukunftsthemen der Branche spezialisiert, wozu neben den Herausforderungen der Nachhaltigkeit insbesondere die Digitalisierung und die mit ihr zusammenhängenden Transformationsprozesse gehören. Regelmäßig schreibt sie für immobilienwirtschaftliche Fachmagazine und Unternehmensblogs und dreht außerdem Videos.

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