Digitalisierung in Stadt und Gemeinde – Anfangen! Vernetzen! Und dann: Machen!

Neben vielen sog. Smart Cities gibt es auch immer mehr Gemeinden, die innovative Ideen auf den kommunalen Weg bringen. Eine davon ist die zum 1. Januar 2017 neu gebildete Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain. Im Rahmen des Projektes “Digitale Dörfer” des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering IESE nimmt sich das Team um den Bürgermeister und die Projektkoordinatorin Sarah Brühl der Herausforderung an, eine ganzheitliche digitale Strategie für die Gemeinde und Region mit den Bürgerinnen und Bürgern voranzutreiben.

Im Vorfeld der SMART HABITAT Konferenz haben wir Sarah Brühl zu einem Interview eingeladen und mit ihr über die Teilnahme am Projekt, die Chancen von Digitalisierung in ländlichen Regionen gesprochen.

 

Für diejenigen, die Sie noch nicht kennen. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Seit Ende Juli 2015 bin ich bei der Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain als Projektkoordinatorin für das Projekt „Digitale Dörfer“ und die daraus entstandene lokale Umsetzungskampagne „Betzdorf digital“ verantwortlich. Dabei entstanden und entstehen weiterhin, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern, digitale Lösungen für den ländlichen Raum.

Zuvor habe ich „Sprach- & Kommunikationswissenschaften“ sowie „Betriebspädagogik & Wissenspsychologie“ an der RWTH Aachen studiert und bin für das Projekt zurück in meine Heimatgemeinde gekehrt.

Das Thema Smart City ist in aller Munde. Warum werden ländliche Regionen noch nicht bei der Debatte aktiv berücksichtigt?

Das weiß ich auch nicht, denn schließlich lebt die Mehrheit der Deutschen mal noch im ländlichen Raum. Eventuell erscheint „das Land“ in seiner vermeintlichen Ödnis unattraktiver oder nicht so hip – oder es gilt das Motto: „in Zukunft werden eh alle Menschen in den Städten und Ballungsräumen leben.“

Vielleicht mag dies mit ein Grund sein, dass viele namhafte IT-Unternehmen das Thema „Smart City“ vorantreiben und auch oftmals als Terminus beanspruchen. Dabei bieten gerade digitale Anwendungen potentiell große Chancen den Unterschied zwischen Stadt und Land zu verwischen. Genug Erprobungsräume gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, zwar in ihren eigenen Spezifika, aber dennoch sind die grundlegenden Bedarfe der Menschen oft ähnlich und man kann durchaus voneinander profitieren.

Was war die Motivation, sich an der Initiative „Digitale Dörfer“ teilzunehmen?

Wir haben uns am Ideenwettbewerb zu den „Digitale Dörfer“ beworben, weil wir schon seit längerer Zeit das Thema „Digitalisierung“ auf unserer kommunalen Agenda haben und unser Bürgermeister dies persönlich auch sehr forciert. In einem tragfähigen und für die gesamte Verbandsgemeinde maßgeschneiderten Geschäftsmodell, hat unsere Wirtschaftsförderung (Regionale Entwicklungsgesellschaft AöR) 2012 ein eigenes Breitbandnetz – das „Bürgernetz“ – gebaut. NetCologne betreibt dieses Netz für die Gemeinde und kümmert sich um die Betreuung der Kunden, aber auch ein Mitarbeiter vor Ort im Rathaus ist Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger. Die Besonderheit beim Bürgernetz: Durch jeden neuen Kunden fließt ein finanzieller Anteil zurück an die Gemeinde – damit investiert man sozusagen in die eigene Heimat.

Eine geeignete Infrastruktur war für uns die Grundvoraussetzung, um weitere Dinge im Bereich „Digitalisierung“ anzuschieben. Den demografischen Wandel und die damit verbundenen Probleme, wie Abwanderung, Verlust von Fachkräften, Überalterung, Aufrechterhaltung von Mobilitätsangeboten und Daseinsvorsorge im Blick, fühlen wir uns als Kommune natürlich in der Pflicht diese Dinge anzugehen.

Die Teilnahme und auch die Durchführungen waren und sind ein weiterer Schritt in eine ganzheitliche digitale Strategie für unsere Gemeinden und Region mit Ihren Bürgerinnen und Bürgern. Besonders der Ansatz des „Bürger forschen für Bürger“ und damit die Möglichkeit zur Partizipation ist uns sehr wichtig. Denn es hat sich in unserem Projekt gezeigt: Gerade der soziale Faktor war sehr wichtig. Dies kann nachhaltig zur Vernetzung in der Gemeinde beitragen.

Welchen persönlichen Tipp haben Sie an die Gemeinden in Deutschland, die noch keine Berührungspunkte mit „Smart Habitat“ haben?

Anfangen! Vernetzen! Und dann: Machen!

Es gibt schon viele kommunale „best practices“ in den unterschiedlichsten Bereichen, von denen man lernen kann – niemand muss das Rad neu erfinden. Ein gutes Netzwerk, ein Dialog und Austausch sind hingegen sehr wichtig.

Aber oftmals gibt es auch in der Gemeinde interessierte Menschen, die sich aktiv einbringen können und auch wollen – beteiligen Sie diese, binden Sie sie ein und begeistern Sie sie von der Idee. Multiplikatoren aus der Gemeinde, abseits der Verwaltung, sind immens wichtig – sie überzeugen und aktivieren weitere Bürgerinnen und Bürger.

Wie stellen Sie sich persönlich den zukünftigen Lebensraum vor?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die ich nicht zureichend beantworten könnte.

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir in Zukunft nicht mehr zwischen Land und Stadt unterscheiden müssen bzw. dass dies nicht mehr relevant ist (als Stichworte exemplarisch „Neue Arbeitsmodelle“, „Neue Mobilitätskonzepte“ etc.). Dass die Digitalisierung viel mehr als gesamtgesellschaftlicher Prozess und nicht als oft beschriebener „Megatrend“ wahrgenommen wird und anstatt der Technologie besonders der soziale Aspekt eines intelligenten Lebensraumes, der den Bürgerinnen und Bürgern nutzt, im Vordergrund steht.

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