Wie technologiebasierte Innovationen unsere Lebensräume verändern – Fragen an Gerald Swarat, Keynote-Speaker

Im politischen Diskurs hört man immer wieder, dass die Themen Digitalisierung und Vernetzung vorangetrieben werden müssen. In diesem Kontext wird gerne der Begriff “Smart City” verwendet, der sich in der Realität häufig nur als leere Floskel entpuppt.

Fakt ist, dass nicht nur Städte, sondern auch Kommunen nach zukunftsbeständigen Lösungen für die alltäglichen Probleme ihrer Bürgerinnen und Bürger suchen und am Thema digitale Vernetzung nicht vorbei kommen. Daher werden bereits verschiedene “smarte” Konzepte, wie z. B. die intelligente Steuerung von Straßenbeleuchtung und Lichtsignalanlagen sowie die optimierte Erfassung und Steuerung von Verkehrsströmen erprobt.

Die Sprecher der SMART HABITAT sind keine Theoretiker, die erklären können, was möglich wäre. Sie kennen sich mit dem Thema aus, weil sie entweder selbst Umsetzer sind oder bei der Umsetzung von Projekten geholfen haben. Gerald Swarat ist einer von ihnen und wird eine Keynote darüber halten, wie technologiebasierte Innovationen unsere Lebensräume verändern.

Herr Swarat, könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich leite das neugegründete Berliner Kontaktbüro des Fraunhofer IESE aus Kaiserslautern, bin 35 Jahre alt und von Haus aus Historiker und Germanist. Aus diesem Grund interessieren mich die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft im Allgemeinen und ganz konkret auf unser Leben in den verschiedenen Phasen, was z.B. sowohl die Gemeinschaft, Mobilität, Verwaltung als auch Gesundheit/Pflege umfasst.

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Darum gilt es, die heutige Verantwortung wahrzunehmen und an einer Zukunft zu arbeiten, in die ich auch noch meine kleine Tochter entlassen möchte. Die wird nicht nur analog sein, aber auch nicht nur digital. Wir müssen also Möglichkeiten testen, Grenzen ziehen und neue Perspektiven austarieren. Das gelingt nur, wenn wir uns auf die Lichtung wagen. Und das sollten wir nicht nur Juristen und Informatikern überlassen.

Ihr Interesse gilt Smart Cities und digitalen Dörfern. Wie kam es dazu?

Der Berliner Thinktank Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V., Gott hab ihn selig,  hat 2014 das erste Mal in einem zivilgesellschaftlichen Multistakeholder-Ansatz das Thema SMART COUNTRY in die Berliner Digitalblase eingebracht. Ich hatte das Glück, durch Dirk Arendt in die Projektleitung zu rutschen. Wir haben dort festgestellt, dass neben dem häufig aus dem Marketing heraus getriebenen Smart-City-Ansatz großer Konzerne die smarte Region sträflich vernachlässigt wird. Diese besitzt aber viel Potential, und deshalb gilt es, die Kommune und die in ihr lebenden Menschen ins Zentrum der Bemühungen zu rücken.  Dies ist eine der positiven Visionen der digitalen Möglichkeiten.

Das Thema SMART CITY ist in aller Munde. Warum werden ländliche Regionen noch nicht bei der Debatte aktiv berücksichtigt?

Es wird immer davon gesprochen, dass Deutschland seine Stärke aus der regionalen Vielfalt und der über das Land verteilten KMU und Hidden Champions zieht, die natürlich zum Großteil außerhalb der Top 5 der Großstädte liegen. Dennoch – die Regionen sind offenbar der hässliche kleine Bruder der Smart City, das muss man so sagen. „Da leben komische Leute, da riecht es nach Tier, kein Netz, kein Kiez, kein Späti.“ und so weiter…

Zugegeben ist dies etwas überspitzt wiedergegeben, aber so war bis vor einigen Jahren der Grundtenor. Allerdings verändert sich etwas momentan, denn auch wenn die jungen Leute zum Studieren natürlich in die Städte ziehen existiert wieder eine romantisch gefärbte Gegenbewegung. Diese schlägt sich nicht mehr nur in den Zeitschriften nieder, sondern kommt sicherlich auch aus den Städten heraus – Stichwort „Coconat“. Das kann Schule machen, sofern der erweiterte Speckgürtel der großstädtischen Ballungszentren seine Hausaufgaben macht. Ein gutes Beispiel ist Stendal. Erst kürzlich habe ich mit einem Bekannten gesprochen, den es dort hinzieht. Warum auch nicht – günstig und gut wohnen, eine eigene Community aufbauen und 50 Minuten mit der Bahn zum Hauptbahnhof.

Aber natürlich lohnt es sich auch für die Unternehmen nicht unbedingt genügend, die ja bereits in die Smart Cities investieren, in den ländlichen Raum Geld zu stecken. Hier geht es um die Gewährleistung der Daseinsvorsorge, nicht um die Perfektionierung des Hamburgers Hafens.  

Herr Swarat, was war Ihre Motivation, sich aktiv an unserer Konferenz zu beteiligen?

SMART HABITAT ist ein umfassendes Programm, das nicht vorab zwischen Städten, Dörfern und Regionen trennt und direkt die Bewohner in den Mittelpunkt stellt.

Was fehlt Deutschland Ihrer Meinung nach auf dem Weg zum Smart Country?

Es muss ein strategischer Ansatz gefunden werden, der den Willen zeigt und umsetzt, die ländlichen Räume als lebenswerten Lebens- und volkswirtschaftlich bedeutsamen Arbeitsraum zu erhalten. Es ist ein Fehler, sich nur auf die Städte zu fokussieren und das Land abzuwickeln. Da ist auch mittlerweile ein Umdenken erfolgt, allerdings bleibt vieles Stückwerk. Ein Flickenteppich wenig durchdachter Einzellösungen, die sonst nirgendwo funktionieren und geringe Ansprüche an Qualität und Sicherheit haben. Und das führt letztlich nur zu weiterer Frustration der Digitalisierung gegenüber – wobei wir doch momentan vielmehr an einer positiven Vision arbeiten müssen im Angesicht der Debatte um Automatisierung und Robotisierung der Arbeitswelt.

Dazu braucht es die Unterstützung des Bundes ebenso wie eine Kooperative der Länder und Kommunen zur Entwicklung vor Ort. Die Politik muss den Menschen die Sorge vor dem Zurückbleiben nehmen, denn die Zukunft gehört nicht den Codern allein. Das ist der entscheidende Gestaltungsauftrag an die Politik! Die Bürger erwarten Transparenz und Offenheit in den Entscheidungsprozessen sowie Möglichkeiten zur Beteiligung. Das Wissen und die Initiative der Bürger sowie der Unternehmen muss in diese Prozesse einbezogen werden und dies gelingt durch digitale sowie partizipative Verfahren umfassender und transparenter denn je. Wir können es uns nicht leisten, mehr Vertrauen in die demokratischen Repräsentanten, die Entscheider vor Ort und in die eigene Zukunft zu verlieren. Digitalisierung muss für alle da sein, denn sie bedeutet Teilhabe, Chancengleichheit und Zugang zu einer selbstbestimmten  Zukunft!

Wie gestaltet sich Ihrer Meinung nach das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technologie in der digitalen Zukunft  in der Stadt und auf dem Land?

Digitale Strategien erhöhen nicht nur den Standortfaktor für die Wirtschaft, sie treiben auch die Verwaltungsmodernisierung in Richtung einer Problemlösungskompetenz und stärken die Zivilgesellschaft, indem sie z. B. politische Partizipation ermöglichen. Denn die Bürger von heute fordern Digitalisierung ein – und das nicht nur von privaten Unternehmen, sondern auch von ihrem Lebensraum, ihrer Stadt, in der sie sich bewegen, kommunizieren, leben und arbeiten. Die Politik muss dafür sorgen, dass die erforderliche Infrastruktur dafür bereitgestellt wird. Denn eine leistungsfähige Internetverbindung ist die Grundlage für das Gelingen der digitalen Transformation.

Auf Konferenzen darf nicht mehr über ein Mindestmaß an Bandbreite diskutiert werden, hier muss es vielmehr um Anwendungen gehen, die über die Banalität von Videokonferenzen hinausgehen. Denn für die in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt drängende Generation ist die volle Nutzung der modernen Technik in der Arbeitswelt eine Selbstverständlichkeit. Es geht also darum, die Potenziale der Digitalisierung für den ländlichen Raum im Ganzen zu entdecken, die unabdingbare Einflüsse auf die Lebensqualität der Einwohner haben

Wie stellen Sie sich persönlich den zukünftigen Lebensraum vor?

An einer Antwort zu dieser Frage haben sich schon ganz andere Persönlichkeiten verhoben. Ich denke aber, wir müssen nur sicherstellen, dass die technologischen Möglichkeiten dem Wohl der Menschen, der Gesellschaft und unserer Umwelt dienen und dass der gesellschaftliche Diskurs darüber, wie wir in Zukunft leben wollen, nicht der technologischen Entwicklung hinterherhängt. Digitale Souveränität erlangt eine Gesellschaft nicht von allein und per Knopfdruck. Es hilft wahrscheinlich nur ein langer Atem und ständiges Probieren und aus Fehlern lernen. Denn auch wenn die Digitalisierung schnell ist, so lassen sich Gewohnheiten, Vorurteile, Ängste und Kultur nicht über Nacht ändern.